Zwangsstörung: Oft zu spät erkannt
10. Juli 2012
„Habe ich die Autotür wirklich abgeschlossen?“; „Habe ich die Herdplatte ausgemacht oder war sie noch an als ich die Wohnung verlassen hatte?“; „Hab ich mich mit Bakterien infiziert?“; „Ob die Person die vor mir die Stange in der S-Bahn angefasst hat, wohl eine ansteckende schlimme Erkrankung hatte?“; „Mein Baby schreit so laut, ich würde es am liebsten aus dem Fenster werfen.“; „Meine Mutter könnte mit dem Flugzeug abstürzen.“
Viele Menschen kennen das Phänomen, dass sie einen Gedanken haben, der eine leichte Unruhe in ihnen auslöst. Untersuchungen zeigen, dass diese Gedanken bei über 80% der Bevölkerung regelmäßig vorkommen (Rachman & De Silva, 1978).
Etwa 1-3% der Gesamtbevölkerung (Ruscio et al, 2010) entwickelt in ihrem Leben eine Zwangsstörung. Diese kann sich schon in der Kindheit entwickeln und wird charakterisiert durch Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen, welche an oft den meisten Tagen auftreten. Typische Zwangsgedanken sind „Ich könnte meinem Kind etwas antun“, „Ich könnte Schuld sein, dass das Haus abbrennt, da ich vergessen habe den Herd auszumachen.“, „Ich könnte mich an dem Türöffner der S-Bahn mit einer schlimmen Krankheit anstecken.“. Meistens folgen Zwangshandlungen auf die Zwangsgedanken. Typische Zwangshandlungen sind über mehrere Stunden dauerndes Duschen, exzessives Händewaschen, oder Putzen, mehrmaliges Kontrollieren von Türen, Fenstern, dem Herd oder elektronischen Gegenständen. Die Ausführung der Zwangshandlungen kann teilweise unter großer Anstrengung auf einen späteren Zeitpunkt verlegt werden. Es wird versucht diesen Widerstand zu leisten, was aber erfolglos bleibt. Die Zwangsgedanken und -handlungen werden als unangenehm empfunden und sind oft mit starker Scham besetzt. Dies führt oft dazu, dass diese verheimlicht werden und keine Hilfe gesucht wird.
Oft führt die Erkrankung auch dazu, dass die Betroffenen Situationen vermeiden, sich sozial zurückziehen und berufliche Schwierigkeiten haben. Die Betroffenen Personen erleben hierdurch starke Einbußen in ihrer Lebensqualität und die Erkrankung neigt dazu sich ohne Behandlung zu chronifizieren. Viele Patienten nehmen erst nach langer Leidenszeit eine adäquate Behandlung in Anspruch. In mehreren Studien zeigte sich die Verhaltenstherapie als wirksame Behandlung bei Patienten mit Zwangsstörungen (Gava et al, 2007). Die Behandlung wird in Deutschland von den Krankenkassen übernommen.
Quellen
- Gava I, Barbui C, Aguglia E, Carlino D, Churchill R, De Vanna M, McGuire HF. Psychological Treatments versus treatment as usual for obsessive compulsive disorder (OCD). Cochrane Database Syst Rev 2007; 2
- Rachman S, De Silva, P. Abnormal and normal obsessions. Behav Res Ther 1978;16:233-248.
- Ruscio AM, Stein DJ, Chiu WT, Kessler RC. The Epidemiology of Obsessive-Compulsive Disorder in the National Comorbidity Survey Replication. Mol Psychiatry 2010; 15(1): 53–63.
- Salkovskis PM. Understanding and treating obsessive-compulsive disorder. Behav Res Ther 1999;37 Suppl 1:S29-52.
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Mich verwundert das nicht, dass Zwangsstörungen wie viele anderen psychische Störungen zu spät erkannt werden. Ich denke, im Bereich der Somatisierungsstörungen ist das noch viel extremer ausgeprägt: viele Jahre werden Patienten fälscherlicherweise medizinisch behandelt und es kommt oftmals zu einer sog. “iatrogenen” Fixierung der Symptome. Eine rechtzeitige Psychotherapie wäre viel sinnvoller: danke daher für den Beitrag, der hierzu eine wichtige Aufklärung bietet!