Ab wann wird aus gesunder ungesunde Trauer?
13. März 2012
Jeden trifft es und für jeden fühlt es sich an, als wenn der Boden unter den Füßen weggerissen würde: der Tod eines geliebten, nahestehenden Menschen. Fast immer reagieren die Angehörigen mit Trauer, manche stärker, manche schwächer; manche länger, manche kürzer. Die Trauerreaktion stellt eine Bewältigungsform dar, um den Schmerz, den der Verlust ausgelöst hat, zu überwinden und um sich an eine neue Wirklichkeit ohne den geliebten Menschen anzupassen. Den meisten Menschen gelingt es, diesen tiefen Einschnitt in ihr Leben zu überwinden – manche gehen sogar gestärkt, mit neuen Plänen und Zielen aus der Trauerphase hervor, manche bleiben in ihr stecken und finden alleine kaum den Weg in ein funktionierendes Leben zurück.
Letztere Form der Trauer wird von Psychologen in Abgrenzung zur natürlichen, gesunden Trauerreaktion auch als ‚komplizierte Trauer’ bezeichnet. Wer mit welcher Art von Trauer reagiert, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Bei diesen Faktoren wird im Allgemeinen zwischen Resilienzen (lat. Resilire ,zurückfedern’), den psychischen Abwehrmechanismen, und Vulnerabilitäten (lat. vulnus ‚Wunde’), den psychischen Risikofaktoren, unterschieden. Resiliente Menschen verfügen beispielsweise über ein größeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, sie suchen mehr Erfahrungen und Beziehungen, die ihnen gut tun. Diese Menschen haben eine bessere Chance darauf, dass sie eine gesunde Trauerreaktion durchleben. Diese Trauerreaktion wird in verschiedenen theoretischen Ansätzen in verschiedene Phasen eingeteilt. Allen gemein ist, dass am Ende eine Akzeptanz des Verlustes und eine Neuorientierung in die Zukunft (ohne den verlorenen Menschen) steht.
Vulnerable Menschen konnten sich beispielsweise innerhalb der Beziehung zum Verstorbenen kein Eigenleben aufbauen, sie haben kein (ausreichendes) soziales Netz, dass sie auffangen kann, haben vor dem Verlusterlebnis bereits an einer psychischen Krankheit gelitten, oder durften in ihrer Kindheit keine sichere Bindung erleben. Zusätzliche Risikofaktoren können sich aus der Art des Todes ergeben- wenn er z.B. sehr plötzlich eingetreten ist und die Angehörigen keine Zeit hatten, sich zu verabschieden, erschwert dies häufig den Trauerprozess.
Diese Faktoren können dazu führen, dass ein Mensch mit einer ‚komplizierten Trauer’ auf den Tod eines geliebten Menschen reagiert. Diese unterscheidet sich von der gesunden vor allem durch folgende Punkte: einer fehlenden Abnahme der Trauerintensität, starke, andauernde Schuldgefühle, keine/kaum Anpassung an die neue Wirklichkeit ohne die verlorene Person, selbstschädigendes Verhalten, Depression, langfristige Schlaf-/Essstörungen und Vernachlässigung des sozialen Netzwerkes.
Schätzungen zufolge sind ca. 10% derer, die einen geliebten Menschen verloren haben, von dieser Trauerform betroffen. Im Gegensatz zur gesunden Trauer, die am besten ohne äußere Eingriffe durchlaufen werden sollte, kann es bei der ‚komplizierten Trauer’ ratsam sein, sich Hilfe in Form einer Psychotherapie zu suchen, um so die Möglichkeit zu erlangen, bald wieder in eine Zukunft voller Möglichkeiten blicken zu können.
Quellen:
Drescher, A. (2011) Der Tod der anderen. Zeit Wissen. 6/2011
Znoj, H. (2004). Komplizierte Trauer. Fortschritte der Psychotherapie Band 23. Hogrefe. Göttingen
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