Teilleistungsstörungen, was sind das?
16. Dezember 2011
Was sind Teilleistungsstörungen und was ist unter den Pseudonymen der „Legasthenie“ und der „Dyskalkulie“ überhaupt zu verstehen? Zu den Symptomen einer Legasthenie, die im Volksmund auch als Lese-Rechtschreibstörung bekannt ist, zählt eine niedrige Lesegeschwindigkeit, häufiges Stocken, Verlieren der Zeile im Text, das Auslassen, Vertauschen oder Hinzufügen von Wörtern, Silben oder einzelnen Buchstaben. Zudem kann der Inhalt des Gelesenen zum Teil nur unzureichend wiedergegeben bzw. interpretiert werden. Hinsichtlich der Rechtschreibung zeigen sich folgende Schwierigkeiten: Hohe Fehlerzahl bei ungeübten Diktaten aber auch abgeschriebenen Texten. Wörter werden im selben Text häufig auch mehrfach unterschiedlich falsch geschrieben. Hinzu kommen auffallend viele Grammatik- und Interpunktionsfehler und oft eine unleserliche Handschrift.
Bei der „Dyskalkulie“ handelt es sich um eine Rechenstörung, die sich durch folgende Defizite zeigt: Mengen einschätzen, zu vergleichen oder zu sortieren fällt schwer, Fragen nach “kleiner”, “größer”, “mehr” oder “weniger” können vom Kind nicht beantwortet werden. Die Fähigkeit, Gegenstände abzuzählen oder Mengenbilder gesprochenen Zahlwörtern zuzuordnen ist eingeschränkt. Später werden im Hunderter- und Tausender-Zahlenraum die Stellenwerte vertauscht oder verdreht. Das Rechnen mit Gegenständen oder Maßeinheiten (Geld, Gewichte, Längenmaße) fällt schwer. Auch das Ablesen der Uhrzeit bereitet große Probleme. Die Ausmaße solcher Teilleistungsstörungen beschränken sich jedoch keineswegs auf den Schulunterricht. Die Fähigkeiten die Sprache zu beherrschen sowie Kenntnisse über Zahlen und deren sinnvolle Einordnung, werden uns in nahezu allen Lebensbereichen abverlangt. Oftmals werden jedoch selbst von Fachkräften in der Schule Defizite in diesen Basics schlichtweg nicht erkannt oder falsch interpretiert. Die Umwelt hält das Kind für faul oder dumm, wenn es immer wieder durch die oben genannten Defizite auffällt. Dadurch fühlt es sich entwertet und erlebt sich zunehmend als Außenseiter. Es lehnt die Auseinandersetzung mit geschriebener Sprache mehr und mehr ab und entwickelt häufig Konzentrationsschwierigkeiten und Lernblockaden. Nicht selten werden Lehrer und Eltern erst durch solche unerwünschten „Nebenwirkungen“ auf das Kind aufmerksam. Wichtig erscheint dann eine gezielte Suche nach den Ursachen der Verhaltensauffälligkeiten. Denn Legasthenie und Dyskalkulie wirken sich nicht nur auch auf andere Schulfächer aus, die gesamte Entwicklung des Kindes wird ungünstig und im schlimmsten Fall nachhaltig beeinflusst. Das Kind hat keine Lust mehr auf die Schule oder sogar Angst vor dem Unterricht. Psychosomatische Probleme (Bauchweh, Kopfweh, Bettnässen) können sich einstellen. Das Kind wird still, zieht sich zurück oder zeigt durch aggressives Verhalten seine Frustration, Enttäuschung, Selbstunsicherheit und Angst. Werden dann die Teilleistungsstörungen nicht als Ursache erkannt, verstärken sich die ursprünglichen Auswirkungen und die psychischen Folgen gegenseitig. Es entsteht ein Teufelskreis, der das Auftreten und eine Manifestation an negativen Begleiterscheinungen begünstigt. Untersuchungen zeigen, dass legasthene Kinder deutlich häufiger psychische Störungen entwickeln (z. B. Despressionen, Angststörungen) als nicht betroffene Kinder.
Eine differenzierte und frühzeitige Diagnostik ist wichtig um späteren sekundären neurotischen Entwicklungen vorzubeugen. Ein offener und wachsamer Blick bei allen, die mit Kindern zu tun haben, kann der erste wichtige Schritt in Richtung einer gezielten Förderung sein. Was können also Lehrkräfte, Pädagogen und Therapeuten aber auch Eltern für Kinder mit Teilleistungsstörungen tun? Besonders aufmerksam sollten die oben aufgeführten Merkmale der psychischen Symptome bei Kindern mit Teilleistungsstörungen beobachtet werden. Plötzliche und schleichende Veränderungen in der Stimmung, aber auch im Schlaf- und Essverhalten können wichtige Anzeichen sein. Bei Unsicherheiten sollte eine kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik eingeleitet werden. Wenn über die Symptome der Teilleistungsstörungen keine weiteren Verhaltensauffälligkeiten bestehen und lerntherapeutische Hilfe zur Verfügung steht, ist eine erweiterte kinder- und jugendpsychiatrische Behandlung nicht notwendig. Pädagogen haben hier die wichtige Aufgabe Eltern bei der Suche und der Einleitung von geeigneten Hilfemaßnahmen zu unterstützen, die „Hürde Kinder- und Jugendpsychiatrie“ möglichst niedrig zu halten und die vielen Vorteile einer rechtzeitigen Intervention deutlich zu machen.
Quellen:
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Schulte-Körne G, (2007). Legasthenie und Dyskalkulie: Aktuelle Entwicklungen in Wissenschaft, Schule und Gesellschaft. Verlag Dr. Winkler, Bochum.
Thomé G, (2004). Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (LRS) und Legasthenie. Eine grundlegende Einführung. Beltz Verlag, Weinheim
Warnke A, Hemminger U, Plume E, (2004). Ratgeber Lese-Rechtschreibstörung. Hogrefe-Verlag, Göttingen.
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