Ist Schokolade ein wirksamer Seelenheiler?

6. Dezember 2011

Schokolade gilt als Seelentröster par excellence. Sie kommt verstärkt zum Einsatz, wenn Kinder quengelig sind, man Liebeskummer hat, Stress und Ärger die Stimmung vermiesen oder schlechtes Wetter auf das Gemüt schlägt. In der Bevölkerung gilt der Genuss von Schokolade daher als wirksames Mittel gegen die klassischen Symptome einer depressiven Erkrankung. Aber kann die süße Kost wirklich als kostengünstiges und wohlschmeckendes Mittel gegen Depressionen eingesetzt werden?

In einer Tafel Schokolade wimmelt es nur so von Stoffen, die sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirken können. Dabei liegt – anders als etwa bei harten Drogen, die über den Opiat-Mechanismus wirken – keine der Einzelsubstanzen im Übermaß vor, was die Ursache dafür ist, dass Schokolade nicht das Suchtpotenzial anderer Genussmittel besitzt. Vielmehr sorgt ihre Kombination für eine stimmungsausgleichende Wirkung. Gerade in der Winterzeit und der Zeit der Stimmungstiefs, wäre es schön, wenn an dem Mythos der Heilwirkung etwas Wahres wäre. Doch leider sind die Substanzen, die theoretisch eine positive Wirkung auf unsere Psyche haben könnten, in der Schokolade viel zu gering vorhanden.

• das Glückshormon Phenethylamin (PEA)

Dieses Hormon haben auch frisch Verliebte im Blut. Tatsächlich ist etwas PEA in Schokolade nachweisbar. Doch kommt der Stoff mit der Nahrung in den Körper, bauen Enzyme das Hormon schnell ab. Man müsste 100 Schokotafeln essen, damit eine wirksame Dosis in den Körper, ins Gehirn und ins Blut gelangt.

• die Rauschdroge Anandamid

Diese Substanz kommt auch in Haschisch vor. Doch die Menge, die in Schokolade enthalten ist, ist viel zu gering für eine Wirkung.

• die Aufputschmittel Koffein und Theobromin

Beide Stoffe sind Nervengifte. Beim Menschen wirken sie in geringen Dosen anregend auf Herz und Kreislauf. Eine stimmungsaufhellende Wirkung besitzt Koffein jedoch nicht. Theobromin wirkt zwar als Arzneimittel leicht stimmungsaufhellend, aber auch hier gilt: nur wenn man hohe Dosen in Reinform zu sich nimmt.

• der Glücksstoff Serotonin

Diesen Botenstoff stellt das Gehirn selbst her. Serotonin spielt unter anderem bei Depressionen nachweislich eine Rolle: Depressive Menschen steht weniger Serotonin im Gehirn zur Verfügung. Schokolade enthält jedoch nur von dem Stoff – viel weniger Serotonin als etwa Walnüsse, Bananen oder Tomaten. Und selbst diese Lebensmittel gelten gemeinhin nicht als Glücksbote. Das liegt daran, dass Serotonin aus Nahrungsmitteln gar nicht erst ins Gehirn gelangen kann. Das empfindliche Organ ist durch eine Barriere geschützt. Diese sogenannte Blut-Hirn-Schranke sitzt in den Wänden der Adern im Gehirn und lässt nur bestimmte Stoffe durch. Viele Substanzen aus Nahrung und Verdauung schwimmen zwar durch die Adern, können aber die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren und daher nicht ins Nervengewebe des Gehirns vordringen. So ist es auch mit dem Glücksbotenstoff Serotonin: Nur vom Gehirn selbst produziertes Serotonin wirkt auch dort.

• der Eiweißbaustein Tryptophan

Auch Tryptophan soll zum Glückskick beim Schoko-Esser beitragen. Tryptophan ist eine Aminosäure, aus der im Gehirn unter anderem Serotonin hergestellt wird. Doch zum einen enthalten viele eiweißreiche Lebensmittel viel mehr Tryptophan  als Schokolade. Zum anderen dauert die Umwandlung von Tryptophan in Serotonin ihre Zeit. Eine unmittelbare Wirkung kann man daher leider nicht erwarten.

Woher kommt dann also der Effekt, dass viele Menschen sich nach einer Tafel Schokolade glücklich fühlen? Manche Experten sind der Meinung, dass durch die Tatsache, dass wir als Kinder Schokolade oft als Belohnung bekommen haben, wir als Erwachsene Schokolade als eine Art ,,Gute-Laune-Placebo” empfinden.
Demnach hätte das Glücksgefühl nach dem Verzehr von Schokolade nur etwas mit unseren Kindheitserinnerungen zu tun und nichts mit ihren besonderen Fähigkeiten.

Schokolade gewinnt an emotionaler Bedeutung, und diese positiven Erfahrungen verankern sich im Gehirn: Sobald Schokolade in der entsprechenden Situation gegessen wird, reagiert das sogenannte Belohnungssystem. Dieses Belohnungssystem umfasst eine Reihe von Gehirnarealen, die immer dann aktiv sind, wenn Menschen Erfolg haben, wenn ihnen etwas glückt, oder wenn ein Plan gelingt. Dabei schütten die Hirnzellen einen bestimmten Botenstoff aus, das Dopamin. Das Glücksgefühl beim Schokoessen entsteht durch diesen Vorgang im Gehirn – und nicht, weil  Dopamin in der Schokolade steckt.

Vor diesen theoretischen Hintergründen, die der Schokolade lediglich aufgrund der gedanklichen Verknüpfung an positive Erinnerungen eine Wirkung zuspricht, erstaunen die Ergebnisse einer Studie der University of California. Wie das Forscherteam der University in San Diego herausgefunden hat, verzehren depressive Menschen dennoch tatsächlich mehr Schokolade als Nichtdepressive. Zudem steigt der Konsum des Genussmittels mit der Schwere des Leidens. Im Rahmen dieser Studie wurde bei tausend Probanden die Wirkung des Schokoladenverzehrs auf die Stimmung untersucht. Es habe sich gezeigt, dass die nach der Einstufung depressivsten Frauen und Männer den größten Schokoladenhunger an den Tag gelegt hatten: Sie kamen jeweils auf etwa zwölf Tafeln pro Monat. Die Kontrollgruppe der Nichtdepressiven aß dagegen nur je fünf Tafeln, während die Testpersonen mit leichten Depressionen auf jeweils acht kamen. Die Studie bestätigt somit den lang gehegten Verdacht, dass Menschen mehr Schokolade essen, wenn sie traurig sind. Die Studie lässt jedoch offen, ob die Schokolade tatsächlich die depressiven Symptome messbar verringert. Nur in diesem Fall könnte Schokolade als wirksames Antidepressivum gelten… und daran muss aus den oben aufgeführten Gründen leider gezweifelt werden.

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